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Detlef Fluch
Dokumentarfilmproduktion

“Film ist eher eine Methode, die Dinge in einen Zusammenhang zu stellen, als eine Geschichte zu erfinden: Die Erneuerung des Auges.” Johan van der Keuken

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Der Dokumentarfilm überlebt nur noch im Fernsehen
- und daran stirbt er

Der erste Dokumentarfilm an den ich mich erinnere, war “Comedian Harmonists” von Eberhard Fechner, 1977. Nichts als ‘Talking Heads’, Archivaufnahmen und Photos, und doch von einer solchen Kraft und Eindrücklichkeit. Eine Fernsehproduktion. Viel später habe ich dann gesehen, daß es in der Zeit (und davor) noch anderes aufregendes im Fernsehen gab: Peter Nestler, Klaus Wildenhahn, Horst Stern, Roman Brodmann. Auch heute gibt es noch gelegentlich gute Autoren im Fernsehen, aber kaum Abenteuer und Entdeckungen. Ist das nur ein Generationswechsel oder hat es mit dem Verschwinden gesellschaftlicher Utopien zu tun? Oder hat sich der ‘Apparat Fernsehen’ verändert? Liegt es an mehr Verwaltung, knapperen Geldern, Quotendruck, standardisierten Sendeformen? Das Fernsehen ist eine Industrie mit serieller Fertigung geworden, unter hohem Zeitdruck muß kostensparend produziert werden.

Die Pionierjahre jedenfalls sind vorbei. Das Fernsehen ist nichts besonderes mehr, ebensowenig fremde Länder, Abenteuer oder auch der Alltag der Nachbarn. Alles schon mal gesehen. Das hat nicht nur mit den Themen zu tun, viele Sendungen sind so eindimensional gestrickt, daß man gleich zu Anfang weiß, was hinten raus kommt.

In den früheren Jahren war für die Filmemacher schon das Entdecken und Erproben der filmsprachlichen Mittel ein Abenteuer und manche technischen Probleme zwangen geradezu zur Kreativität. Was macht man, wenn es keinen O-Ton gibt? Klar, nachsynchronisieren und für Atmo und Stimmungen kann alles verwendet werden, was Geräuschemacher und Musiker hergeben. Wunderbare  Beispiele dafür sind: “Nightmail”, England 1936 und “Quayside”, England 1979(!).

Heute haben wir den O-Ton. Bei Video technisch ganz einfach, läuft immer gleich mit. Eigentlich haben wir nur noch O-Ton, unterbrochen von Kommentar und kleinen Musikfetzen. Diese Unmengen von O-Ton, jemand spricht und man sieht ihn im Bild, manchmal ein Schnittbild dazwischen. Vielleicht ist das eine ‘Autoren-entlastende’ Maßnahme, so etwa: “Hey, wir haben einen Zeugen, der hat das so gesagt und weil man ihn im Bild reden sieht, kann auch niemand sagen, wir hätten den Text manipuliert. Alles ganz authentisch!” (Als ob es da nicht andere Mittel gäbe.) Objektiv soll es sein, das hat sich über die Jahre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so festgeklopft, und wenn’s geht, auch noch ausgewogen (Filme über unliebsame Diktatoren mal ausgenommen). Dazu die Konkurrenz-Situation: So viele Sender und der Konsument schaltet immer dahin, wo am meisten los ist. Also: Keine Müdigkeit im Textfluss zulassen. Das Ohr soll sich nicht entziehen, den Bildern genügt die Belegfunktion. Besonders deutlich wird das in der kürzesten Form der Dokumentation, der Nachricht: Mal ganz ehrlich, brauchen wir die immer gleichen Bewegt-Bilder von Staatsempfängen auf Flughäfen oder Tarifpartner, die in Sitzungssäle strömen? Die Hintergrundinformation ist wichtig und der könnte man aufmerksamer zuhören, wenn es im Bild nicht zappelt. Photo reicht.

Irgendwie absurd, aber im Informationsbereich ist das Fernsehen ein Wort-Medium. Und irgendwie ist der Dokumentarfilm im Informationsbereich angelangt. Weil das ‘filmische’ nun ein wenig zurücksteht, gibt es dafür auch neue Namen: Dokumentation, Reportage, Feature. Das klingt nüchterner und zweckmäßiger als Dokumentarfilm. Eine der seltsamen Erwartungen an Journalisten und Autoren heißt ‘Objektivität’ (die Steigerung davon ist ‘Ausgewogenheit’). Das kann man auch mit ‘kritischer Distanz’ übersetzen, das heißt, die Sache darf nicht zu nahe gehen. Dazu ist schon die relativierende Form ‘O-Ton in Kommentar eingebettet’ bestens geeignet. So wird der Protagonist in einen Zusammenhang gestellt, die Bedeutung erklärt und Fragen erübrigen sich. Im ständigen Textfluss bleibt auch keine Zeit für Fragen. Wenn man unterstellt, daß Filme nicht nur wertfrei informieren wollen, sondern auch aufklären, Zusammenhänge herstellen, Werte vermitteln und beim Zuschauer etwas bewirken sollen, dann erscheint die Geschwätzigkeit des Fernsehens kontraproduktiv.

Sicherlich können Worte mächtig sein, Argumente und Eloquenz allein genügen aber nicht. Es sind Erfahrungen, die Haltungen verändern. Erfahrungen sind an emotionale Situationen geknüpft, im alltäglichen Leben, in einem guten Buch oder eben auch in einem berührenden Film. Es genügt nicht, sich hinter Objektivität zu verstecken. Wichtig ist die Glaubwürdigkeit und die wird nicht deswegen geringer, weil die Subjektivität des Autoren erkennbar ist. Eine gute Geschichte darf emotional sein, sie darf auch polarisieren und zum Widerspruch reizen. Ein Film, der keine Möglichkeit zur Identifikation oder zur Auseinandersetzung bietet, bewirkt wenig und ist schnell vergessen.

Mit welchen Ängsten werden heute Fernseh-Dokumentationen produziert, jeder Beteiligte schielt zur nächsthöheren Instanz: Ob es dem Redakteur gefällt, ins Sendeprofil paßt, die Quote erfüllt - jede Kante im Film ist ein Risiko. Wenn der Film nicht abgesegnet wird, sitzt der Produzent auf haushohen Schulden. Das ermutigt zu gar nichts. Der übliche Weg ist dann auch, daß man als Autor/Produzent ‘Stoffe’ sucht, die in einen bestimmten Sendeplatz passen, sich also nur thematisch, aber nicht formal vom vorhandenen unterscheiden. So reproduziert sich das Fernsehen selbst. Da mag man gar nicht hinschauen
.

Siehe auch: Ein Zwischenruf der agdok:      Qualität statt Quote

und in der “Zeit” vom 19.2.09:    Unser Gott, die Quote

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